Berner Beben

Berner Zeitung, Der Bund
© Franziska Rothenbuehler

KAHLSCHLAG BEI „BUND“ UND „BERNER ZEITUNG“

Der «Bund» und die «Berner Zeitung» kommen ab 2018 mehrheitlich aus Zürich, nur das Lokale bleibt in Bern. Der Tamedia-Verlag stärkt sein Medienmonopol weiter. Er schafft damit die Voraussetzung zur Verschmelzung der beiden Zeitungen.

Seit der Zürcher Tamedia-Verlag 2007 das Kommando über die Berner Zeitungen übernommen hat, steht fest, dass er jederzeit Entscheide fällen kann, die den Me- dienplatz Bern ins Wanken bringen. Am Mittwoch, 23. August 2017, hat er einen solchen Entscheid gefällt, aber in der Öffentlichkeit ertönte es wie Schalmeienklang.

Die Tamedia-Spitze eröffnet den Mitarbeitenden in Zürich, Bern, Lausanne und Genf sowie der Öffentlichkeit den Entscheid zur Umsetzung des Projekts «Tamedia 2020». Man verspricht trotz sinkender Einnahmen besseren Journalismus: Alle Zeitungstitel bleiben erhalten. Die Kompetenz in den Themenbereichen Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft und Sport wird zusammengelegt in einer zentralen Redaktion, bei der alle Zeitungen der Tamedia-Gruppe dieselben fertig gelayouteten Seiten beziehen.

LOKALES ALS FEIGENBLATT

Während die nationale und internationale Berichterstattung im Tamedia-Imperium vereinheitlicht wird, sollen die Lokalredaktionen für den Erhalt der DNA der einzelnen Titel sorgen. Es sollen sogar Kräfte freigespielt werden, die in neue Gebiete wie den Datenjournalismus vordringen. Bis zum 1. Januar 2018 gibt es keine Kündigung.

WO IST DAS PROBLEM?

Was Tamedia der Öffentlichkeit verschweigt: Mindestens 61 Millionen Franken Ertragsausfall aus dem rückläufigen Inserategeschäft will der Verlag mit dem Reformprojekt 2020 kompensieren. Würden diese Einbussen vollständig mit Stellenabbau aufgefangen, fielen konzernweit 400 bis 500 Jobs weg – rund ein Drittel der Belegschaft. Tamedia will niemanden entlassen und setzt auf Pensionierungen und freiwillige Kündigungen.

Diese Rechnung geht nicht auf: Der notwendige mittelfristige Stellenabbau wird die «natürlichen Fluktuationen» wohl deutlich übertreffen. Was Tamedia auch verschweigt: Bern bekommt diese Erschütterung besonders heftig zu spüren.

Die «Berner Zeitung» wird ausgekernt und nur noch 70 der heute 150 Redaktionsmitglieder umfassen. Sie verliert ihre eigenständige überregionale Redaktion und wird verzweifelt versuchen, nationale Themen aus regionaler Perspektive zu beleuchten.

Der «Bund», der schon 2009 beim letzten grossen Abbau Haare lassen musste, ist gezwungen, weitere Teile seines Charakters preiszugeben. In seinen Kernbereichen Ausland, Inland, Wirtschaft, Kultur und Sport unterscheidet er sich nur noch marginal von der BZ. Das Projekt «Tamedia 2020» bedeutet für Bern: Konkurrenz und Vielfalt finden nur noch auf der Mini-Spielwiese des Lokalen statt.

Sogar auf YB und den SCB gibt es aus Bern nur noch einen journalistischen Blick. Die Gefahr ist real: «Bund» und BZ werden so weit amputiert, dass ihr Zusammenschmelzen niemand mehr bedauert. Das trifft wohl früher ein, als man denkt.

IN DIESER SONDERZEITUNG DECKEN DIE JOURNALISTEN AUF, WAS DER TAMEDIAKONZERN VERSCHWEIGT

8 thoughts

  1. kein verständnis – habe ich für konzernleitungen, die die gewinnausschüttung an aktionäre höher gewichten als ihr raison d’être: gute zeitung zu machen
    kein verständnis – habe ich, wenn an solch seltsamen prozessen die betroffenen angestellten nicht miteinbezogen werden!
    ich hoffe sehr, dass ein umdenken stattfindet und mir der bund in gewohnter oder besserer qualität erhalten bleibt.

  2. Ich finde das Vorhehen von Tamedia in hohem Masse verwerflich. Wo bleibt die staatspolitische Verantwortung? Besonders stossend ist, dass der Gewinn des Konzerns von Jahr zu Jahr grösser wird. Lässt das die Familie Coninx wirklich einfach so zu?

  3. Diese Website wurde durch eine Firma im Watson-Gebäude registriert. Zufall? Zudem frage ich mich, warum das Geld von Zürich nach Bern fliessen soll. Tamedia nimmt nicht am Finanzausgleich teil. Die Berner müssten mehr Zeitungen kaufen.

  4. Liebe Konzernleitung und lieber Verwaltungsrat der tadmedia-Gruppe
    Wenn Sie auf diese schleichende Weise versuchen die Medienhoheit in Bern an sich zu binden, dann ist das ein gewaltiges Eigentor. Und seien Sie daran erinnert, dass Bern immer noch die Bundeshauptstadt ist und nicht Zürich. Auch wenn Sie das vielleicht gerne anders hätten. Medienvielfalt ist immer noch im Sinne der Schweizer Meinungsfreiheit und des Föderalismus. Zentralismus, wie Sie es betreiben, setzt sich dem diagonal entgegen. Wollen Sie diesen „Medien-Kampf“ in Bern tatsächlich auf sich nehmen……?

  5. Wenn „der Bund“ stirbt, und am Schluss nur „Zürich- Media“ übrig bleibt, werde ich mein Abonnement kündigen. Das nenne ich abstimmen mit dem Portemonnaie. Das „Bund“ Abi halte ich gerade wegen des ausgewogenen Ausland-, Inland- und Bern bezogenen Journalismus, der mir vom „Tage“ nicht geboten wird. Auch auf die „Sonntagszeitung“ kann ich ohne Bedauern verzichten. Aber wen kümmert’s, wenn „Züri West“ unzufrieden ist, das ist bloss ein Kollateralschaden.

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